This land is your land, this LAND is MINE
published in: Achtung Sprengarbeiten!/Attention-Blasting works
Neue Gesellschaft für Bildende Kunst Berlin, ISBN 978-3-938515-10-5
I. Definitionsversuche: Landmine
Landminen sind explosive Objekte, die durch Kontakt bzw. Nähe von Lebewesen und Fahrzeugen ausgelöst werden. Im Gegensatz zu anderer Munition zielen Minen nicht auf ihre Opfer, sondern ähneln „explosiven Pflanzungen“, bei denen alles und jeder, der zu ihnen kommt, zum Ziel wird. Ihr „lauernder Charakter“ ruft eine unbefristete Okkupation der Gebiete hervor, deren Konflikte sie ursprünglich „lösen“ sollten. Wobei der zeitliche Rahmen ihrer Bedrohung genauso offen bleibt wie das Spektrum ihrer Ziele. Dies führt faktisch zu hohen Opferraten in der Zivilbevölkerung, macht Landschaftsräume langfristig unbrauchbar, lähmt die Entwicklung ganzer Nationen und gefährdet besonders Kinder, die Landminen oft mit Spielzeug verwechseln.
(Image: Antipersonenmine PFM-1s (Schmetterlingmine) in 1:1)
In militärischen Definitionen wurden Landminen oft als „reine Defensivwaffen“ beschrieben, da sie die Bewegungsfreiheit der Gegner einschränken, lenken, oder kanalisieren sollen und damit angebliche „Schutzräume“ für die Minenleger und ihre Einheiten schaffen.
Während die Gefahr von Minen auch nach den Konflikten nahezu unberechenbar bleibt, fokussiert die militärische Definition also eher den Moment des Minenlegens. Und es wird davon ausgegangen, dass mit der scheinbaren Genauigkeit eines Kartografen Feindes- und Freundesgebiet definiert und „gesichert“ werden kann. Tatsächlich blendet diese Definition jedoch die bleibende Bedrohung von Minen nach Konflikten aus. Das einzig „defensive“ ist somit die militärische Definition selbst, nicht aber das von ihr Definierte. Hinzu kommt, dass Minen in vielen Konflikten wahllos gestreut werden und selbst wenn es Karten verminter Gebiete gibt, haben diese nicht selten die Tendenz, zeitgleich mit dem Ende der Konflikte zu „verschwinden“. Territoriale bzw. kriegstechnische Einteilungen in „Freund- und Feindwärtige Seiten“ haben gerade im Vergleich zu Minen eine kurze Lebensdauer und sind deshalb besonders in diesem Kontext mehr als fragwürdig.
Minen sind also nicht defensiv, sondern besonders perfide Explosionskörper. Und obwohl einige dieser Explosionskörper mit den Worten „towards the enemy“ beschriftet sind und ihre Detonationsrichtungen angeben, unterscheiden Minen natürlich nicht in Freund und Feind. Das tun nur die Menschen, die Minen einsetzen.
(Image: Towards the enemy; Schützenmine MON 50)
Auch jenseits militärischer Definitionen bleibt der Begriff „Mine“ kompliziert, denn die Bandbreite von Minen und minenähnlichen Waffen ist groß. Bereits die Menge an Sprengstoff, sowie Zünder – und Verlegetechniken dieser Waffe(n) variieren stark, was wiederum das Spektrum der Entminungsstrategien beeinflusst. Auch die rechtliche Handhabe von Minen bzw. Minenverboten wird durch die vielen Variationen „der Mine“ komplizierter als es zunächst scheinen mag. So verbietet beispielsweise die Ottawa Konvention von 1997, die als völkerrechtlicher Vertrag auch unter der Bezeichnung „Mine Ban Treaty“ bekannt ist, Einsatz, Produktion, Lagerung und Weiterverkauf von Antipersonenminen. Ausgeschlossen sind nicht nur alle Minen, die sich gegen Fahrzeuge und ihre Insassen richten (Anti-Fahrzeugminen) sondern auch sämtliche Waffen, die den Begriff „Mine“ nicht in ihrem Namen enthalten, deren Funktionsweisen aber erstaunliche Familienähnlichkeiten mit der Anti-Personenmine aufweisen. Paradebeispiel für diesen Bereich sind die permanent eingesetzten Streubomben, sowie explosive Kriegshinterlassenschaften, die vor Ort faktisch nicht viel anders agieren als „die ordinäre Landmine“.
(Image: Funktionsweise: Cluster, Vergleich Abwurf)
II. Physische und psychische Terrains Vagues
Trotz ihres „wahllosen Charakters“ sind Minen Mittel zur mehr oder weniger präzisen Organisation von Terrains Vagues. Dabei verwandeln sie nicht „nur“ den jeweiligen Landschaftsraum in unsicheres Terrain, sondern insbesondere auch die Seelenlandschaften seiner Einwohner. Bewohner von Landminengebieten müssen gar nicht verletzt oder getötet werden, denn psychologisch sind sie immer schon Opfer von Minen – durch Verwandlung vertrauter Heimat in ein Terrain permanenter Bedrohung, die ua. durch stete Präsenz verstümmelter Menschen im Alltag konkret wird. Letzteres ist keine Nebenwirkung von Minen, sondern beabsichtigtes Detail ihres „Designs“: Viele Minen sind extra so konzipiert, dass sie nicht töten, sondern verstümmeln, denn verletzte Menschen stellen kriegstechnisch und ökonomisch eine größere Belastung für die Umwelt dar als tote Menschen. Die lauernde Invasion von Minen trifft also physischen und psychologischen Raum, wobei Diagnosen wie „Kriegstrauma“ oder „post-traumatisches Stresssymptom“ schwer greifen, da der Stress und das Trauma nicht retrospektiv betrachtet werden können, sondern stets aktuell sind. Auch der Begriff „Paranoia“ für die extrem gesteigerte Angst in Minengebieten trifft die Sache nicht wirklich, denn obwohl man möglicher weise nur schöne Landschaft sieht, entpuppt sich diese nicht selten als Minenfeld. Und so wird für Menschen in Minengebieten der Ausnahmezustand zum Alltag.
III. Verbote spezifischer Waffentypen – ein Erfolg?
Obwohl der Erfolg der Ottawa Konvention, und damit das Verbot von Antipersonenminen, nicht geschmälert werden darf, muss gefragt werden, worin genau dieser Erfolg aus heutiger Sicht besteht. Unklar ist, inwiefern Kampagnen für Waffen-spezifische Verbote die Entwicklung noch perfiderer Waffentypen vorantreiben und inwiefern derartige Kampagnen „system-immanent“ arbeiten müssen, was ua. bedeuten kann, Waffengewalt als politisches Mittel nicht grundsätzlich abzulehnen. Sieht man hingegen den Erfolg der Ottawa Kampagne darin, dass es sich um eine der wirkungsvollsten, internationalen Bürgerbewegungen handelte, die erstmals in der Geschichte ein Waffenverbot auf Druck der Öffentlichkeit durchsetzen konnte, so liegt die „Sprengkraft“ von Ottawa im organisierten Praktizieren ziviler Verantwortung. Doch unabhängig von diesem Erfolg bleibt es Tatsache, dass der Vertrag von Ottawa nur Antipersonenminen ächtet, dass in den letzten Jahren kaum weitere Staaten den Vertrag unterzeichnet haben und dass von den Staaten, die bis heute nicht unterzeichnet haben, allein drei im UN Sicherrats sitzen: China, Russland und USA.
Besonders erschreckend ist jedoch, dass zehn Jahre nachdem eine internationale, zivilgesellschaftliche Kampagne mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, die Welt gespaltener denn je ist, Waffengewalt und Folter als politische Mittel tagtäglich eingesetzt werden und trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - eine breiter angelegte Abrüstungsdebatte gar nicht mehr existiert.
IV. Differenzierte Sichtweisen sind nicht immer „gut“
Der Zersetzungsprozess allgemeiner Abrüstungsforderungen funktioniert vielleicht gerade deshalb, weil unsere aktuellen Konflikte nicht mehr direkt mit dem Erobern von Territorien und Ressourcen gerechtfertigt werden, sondern am Stürzen von Diktatoren, Entschleiern von Frauen oder am Bauen von Schulen gemessen werden. Der Einsatz von Waffen als so genannte „Schutz- und Befreiungsmaßnahme“ gehört längst zu unserem Alltag. Lediglich das ein oder andere Selbstmordattentat an Orten, die an unsere „zivilisierte“ Heimat erinnern, erschrecken uns noch, Waffengewalt als alltägliches politisches Mittel jedoch nicht. Der parallel verlaufende politische, zivile und angeblich „schützende“ Gebrauch von Waffen, macht die Unterscheidung zwischen Soldat, Zivilist und Terrorist immer schwieriger. Trotzdem glauben viele von uns, einen „differenzierten Blick auf den Einsatz von Waffen“ zu haben, da sie ihn im Falle des Diktators, der entschleierten Frauen und der in die Schule gehenden Kinder für gerechtfertigt halten.
Erstaunlich ist daran nicht, dass wir diese Dinge für gut halten. Erstaunlich ist, dass wir so tun, als gäbe es keine anderen Methoden für sie „zu kämpfen“ als mit Waffengewalt. Unser „differenzierter Blick auf Waffengewalt“ ist also zunächst nichts anderes als ein enorm eingeschränkter Blick auf Politik und Moral. Und Dank dieses „differenzierteren Blicks“ sind wir, trotz der „Misserfolge“ namens Irak und Afghanistan, inzwischen genau dort angekommen, wo uns die verantwortlichen Politiker zu Beginn ihrer Angriffskriege gern gehabt hätten: An dem Punkt, wo wir die radikale Ablehnung des offensiven Einsatzes von Waffen als politisches Mittel aufgegeben haben und nicht selten so argumentieren, als würden wir selbst längst an „Befreiungskriege“ glauben. Damit unterstützen wir, zumindest passiv, aktuelle Konflikte und schmälern in gewisser Weise sogar zurückliegende Abrüstungserfolge, denn angesichts derzeitiger Krisen wäre beispielsweise ein isoliertes Feiern der Tatsache, dass heute mehr Minen geräumt als gelegt werden, geradezu zynisch.
(Image: Cartographies)
V. Klimawandel
Auch wenn Antipersonenminen international geächtet sind, so sind es die Gründe für ihren Einsatz und ihr spezifisches „Design“ noch lange nicht. Im Gegenteil, Landminen sind so genannte „area denial weapons“ und gerade die wehrhafte Absicherung bestimmter Gebiete wird in einer Welt, in der wir an der Aufrechterhaltung wirtschaftlicher, politischer und kultureller Spaltungsverhältnisse festhalten, immer notwendiger. Die Welt ist kein „globales Dorf“, in dem jeder Teil des Organismus versucht, den Körper als Ganzen am Leben zu halten. Stattdessen ähneln wir einer dys-funktionalen Familie, die diejenigen Mitglieder von sich fernhält, die nicht ordentlich produzieren und konsumieren (können). Ob dieses Fernhalten durch Landminen bewerkstelligt wird, durch Klebstoffwaffen, die Menschen an Ort und Stelle fixieren oder durch andere Auswüchse unserer „zivilisierten Welt“ - Fakt ist, dass genau diese zivilisierte Welt daran krankt, globale Unausgeglichenheiten wehrhaft zementieren zu wollen. Deshalb reden wir eher von Schutz, Kontrolle und Sicherheit, anstatt von politischen Alternativen, sozialem Ausgleich und demokratischer Partizipation. Generelle Abrüstungsgedanken und eine Umverteilung der Gelder, die durch sie freigesetzt werden können, sind in weite Ferne gerückt. Und Änderungen unseres individuellen Lebensstandards, die dessen wehrhafte Verteidigung sinnloser machen, werden erst langsam attraktiver; aber sie werden es.
Für freundliche Unterstützung Dank an: Aktionsbündnis Landmine (J.Schulz), Dresdner Sprengschule (W.Jordan), Medico International (A. Jung), sowie dem Landminenmuseum Neu Golm (H-D Pausch)