The Cartographer`s Grand Hotel

 


 

(...) Ich dachte an meinen Freund, den Ornithologen. Er war derjenige, der mich zu dieser Reise ermuntert hatte. Und nun, auf der Bank in der Dunkelheit, fragte ich mich, wie mein Ornithologe auf den Mann, den Leichenzähler, reagiert hätte. Ich überlegte, wie man überhaupt auf Leichenzähler reagiert. Bis zu diesem Moment hatte ich nicht mal geahnt, dass es derartige Berufe gibt. Ich schämte mich geradezu, niemals nachgedacht zu haben, wer eigentlich all die Toten zählt, denn natürlich müssen sie gezählt werden, da doch ständig von den Toten gesprochen wird und viele von ihnen in statistischen Listen künstlich am Leben gehalten werden. Also muss es auch Menschen geben, die sie zählen. Ganz zu schweigen von all den anderen Tätigkeiten, an die ich niemals zuvor gedacht hatte. Denn die Toten müssen, da gibt es keinen Zweifel, auch geordnet, in vielen Fällen zusammengesucht, geradezu aufgeräumt werden, damit ein Leichenzählen überhaupt stattfinden kann. Ich fragte mich auch, wie man die Toten an diesem Ort zählen konnte, ohne Fehler zu machen. Denn hier war es, man mag es kaum glauben, nahezu unmöglich, die Leichen anhand ihrer Leiden zu unterscheiden. Wie also stellten diejenigen, die von den vielen Toten berichteten fest, in welche Statistik der jeweils Tote gehörte? Ja, hatte mir nicht der Leichenzähler höchstpersönlich geraten, mich für eine der Seiten zu entscheiden, damit der Wahnsinn erträglicher würde? Wie konnte ausgerechnet er, der die Toten zählte, weiterhin von verschiedenen Seiten sprechen? Vielleicht aber war die Genauigkeit nicht wichtig. Vielleicht ging es nur um Zahlen, damit wir, die Zurückgebliebenen, an dem Glauben festhalten können, dass es „krank“ und „gesund“, ja sogar „besonders krank“ gibt? (...)